Die Revolution der Künstler … oder: Wie mir morgens die Kinnlade auf die Tastatur klappte

rivoluzioneVon Johannes Maria Schatz

Am 19. Februar 2013 ging die Seite „Die traurigsten & unverschämtesten Künstler-Gagen & Auditionerlebnisse“ online und explodierte innerhalb weniger Tage: Likes über Likes! Schon sechs Tage später berichtete Journalistin Birgit Walter in der Berliner Zeitung und Frankfurter Rundschau davon. Ich war darauf überhaupt nicht vorbereitet. Aber wie eine mächtige virtuelle Lawine rollte die Initiative (bis heute übrigens) über die Künstlerwelt hinweg. Aus allen Genres wurden unglaubliche Beispiele gepostet: mieseste Arbeitsbedingungen und unglaubliche Dumping-Gagen. Hilfesuchend telefonierte ich mit Sören, damals noch ein nur flüchtiger Bekannter. Ich wusste, dass er bei der GDBA gewerkschaftlich organisiert war und bat um Rat: Was sollte, konnte, musste ich tun? Würde er mir beiseite stehen? Wie ein Menetekel hallen seine Worte bis heute immer wieder in meinen Erinnerungen nach: „Die Geister wirst du so schnell nicht mehr los. Du hast sie gerufen!“

Am 07. März war Salzburg das erste mal Thema. „Dancer Revolution“ postete vielsagend: „Wenn Ihr nur wüsstet wie es an den Salzburger Festspielen zu und her geht… .“ Einen Tag später klingelte der WDR an.

Der 11. März war doppelt legendär. Einmal schlug „Gert René Schmidt“ eine Art „witzig dezentes Logo bzw. Label“ vor. Wir nahmen die Idee sofort auf und fragten öffentlich: „Was soll auf dem Logo stehen: „Gagendumping? Nein Danke“, „Gegen Künstlerabzocke!“, „FairArt“ oder vielleicht „ActFair“?“ Es antworteten 98 Künstlerinnen und Künstler von Euch auf diesen Post. Der erste Schritt war schon namentlich zum späteren „art but fair“ getan.

Zum anderen tauchte plötzlich Elisabeth öffentlich auf unserer Seite auf und berichtete von den nicht mehr bezahlten Proben und dem engen Vorstellungsplan bei den hoch ehrwürdigen Salzburger Festspielen. Ich bin ehrlich. Ich musste erst einmal googeln: Wer war, wer ist Elisabeth Kulman? Gut, als artsjournal.com wenige Stunden später über ihr Beispiel weltweit berichtete („Slave labour: Salzburg won’t pay for rehearsals“), war auch mir klar: Sie hat Sprengkraft!

Ich kann nicht mehr genau sagen, wer damals wen über Skype angerufen hat. Aber ich verspürte schon beim ersten Telefonat eine kaum zu erklärende Vertrautheit. Irgendwie hatte ich mit der „Jeanne d’Arc der Gagen“, wie Elisabeth bald von der Presse bezeichnet wurde, eine Seelenverwandte gefunden. Ich galt seither als „Robin Hood“, der im Sherwood Forest der darstellenden und musizierenden Künstlerwelt so richtig aufräumen wollte. Die PR Maschine nahm Fahrt auf. Ernst Strobl schrieb beispielsweise am 14. März in den Salzburger Nachrichten einen fünfspaltigen Bericht über: „Facebook als Klagemauer für Künstler“.

In Elisabeth musste es mächtig gebrodelt haben. Sie war fast ohne Pause online und versuchte die Initiative zu puschen. Am 14. März postete sie: „Jawohl! Meine großen KollegInnen fangen an auszupacken! Ihr werdet nicht glauben, was da für Dreck ans Tageslicht kommt! Die REVOLUTION IST NICHT MEHR AUFZUHALTEN!“ Das hätte mich eigentlich aufhorchen lassen müssen. Doch noch immer war ich völlig arglos. Ganz nebenbei knackten wir die 4.000er Marke.

Und dann kam sie, die Nacht vom 15. auf den 16. März. Wir waren noch keine vier Wochen alt. Irgendwann nach Mitternacht ging ich mit dicken Augen ins Bett. Damals verbrachte ich noch Stunden vor der Seite und versuchte, jeden einzelnen Kommentar zu lesen und jedem User gerecht zu werden.

Es war ein Samstagmorgen. Ich schlief aus. Mit einer frischen Tasse Kaffee trottete ich im Trainingsanzug an meinen Schreibtisch, klappte meinen Laptop auf und wollte – wie jeden Morgen – die neuesten Posts, Emails und Nachrichten lesen. Da waren mehrere, aber ein Post hatte sofort meine volle Aufmerksamkeit: „Sagt, was euch schon so lange unterm Herzen brennt! Eure Worte werden ab jetzt gehört! Und sie werden auch die hören müssen, die sie bis jetzt nicht hören wollten! Es lebe die REVOLUTION DER KÜNSTLER!!!“ Mir klappte die Kinnlade nach unten. Mein erster Gedanke: Jetzt dreht Jeanne völlig am Rad! Der zweite: Völlig gleichgültig! Der Aufruf ist schon draußen. Und selbst wenn ich darum bitten würde, ihn rückgängig zu machen, Elisabeth würde ohnehin nicht auf mich hören. Dafür war sie viel zu selbstbewusst. Sie hatte sich also dazu entschieden, offensiv auf die Barrikaden zu gehen. Mir blieb nichts anderes übrig, als mutig mit hinauf zu steigen. Ein ruhiges Wochenende sah anders aus, denn spätestens jetzt roch es nach Pulverdampf und brennenden Fackeln. In aller Eile formulierte ich meinen öffentlichen Aufruf, dieser Revolution zu folgen und richtete unsere Forderungen an die Politik, die Arbeitgeber, die Gesellschaft und die Künstler: „Dank Eurer Unterstützung und dem Aufruf von Elisabeth Kulman konnte eine Lawine der öffentlichen Entrüstung über die kleinen und großen Unverschämtheiten auf, vor oder hinter den deutschsprachigen Bühnen losgetreten werden. … Es soll alles ans Tageslicht, nicht um zu lamentieren, sondern mittelfristig Verbesserungen im Kunstbetrieb zu erreichen!“ Schon am 17. März war das übersetzt: „Public appeal for an artist revolution“.

Es ging Schlag auf Schlag. Aus unseren beiden Initiativen sollte eine neue Künstler-Bewegung entstehen. Dazu wurden online und kooperativ Aufgaben und Ziele diskutiert. Am 28. März strahlte der Bayrische Rundfunk zum ersten mal ein gemeinsames Interview von Jeanne und mir aus. Und über die Ostertage diskutierten wir in Hamburg die „Goldenen Regeln künstlerischen Schaffens“, was heute die Selbstverpflichtungen sind.

Die wurden am 01. Mai zusammen mit dem neuen Logo veröffentlicht. Manche von Euch waren darüber enttäuscht, die meisten aber hoch erfreut: ART BUT FAIR war entstanden und kaum ein halbes Jahr später gründeten sich in Deutschland, Österreich und der Schweiz die entsprechenden Vereine.

Wo geht diese abenteuerliche Reise nach einem Jahr der Revolution hin? Noch immer befinden wir uns in der sogenannten Beta-Phase unserer Gütesiegel-Einführung. In Kooperation mit der Hans-Böckler-Stiftung wollen wir die sogenannten „art but fair consultations“ durchführen und eben diese Verpflichtungen künstlerischen Schaffens und das damit zusammenhängende art but fair Gütesiegel auf ein möglichst breites gesellschaftliches Fundament stellen. Die Gewerkschaften und Interessenverbände haben bereits alle ihre Zusammenarbeit signalisiert. Wer künftig das Siegel führt, verpflichtet sich, ethische Mindeststandards in seiner künstlerischen Arbeit einzuhalten und zwar beim Künstler angefangen über die Intendanten, Veranstalter, Kulturpolitiker, die Verantwortlichen in der Ausbildung bis hin zu den Agenten. Wir hoffen so im Mai 2015 eine Release-Version der Selbstverpflichtungen vorlegen und dann auch das endgültige Gütesiegel präsentieren zu können.

Der Weg ist noch lang, aber er lohnt sich! Gehen wir mutig, gemeinsam und solidarisch weiter. Jeanne und ich werden – gemeinsam mit den vielen unermüdlichen Mitarbeitern, Mitgliedern und Unterstützern – unser Bestes geben. Alles Gute zum Revolutions-Geburtstag, Jeanne!!!

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