Offener Brief zu Kürzungen beim Orchester der Vereinigten Bühnen Wien (VBW)

offener_brief_vbwBereits wenige Tage nach seiner Gründung als Verein ging „art but fair Österreich“ ein heißes Eisen an: Nachdem in verschiedenen Medien darüber berichtet worden war, dass die „Vereinigten Bühnen Wien“ (VBW) massive Einsparungen zu Lasten ihres Musical-Orchesters planen und damit nicht nur die Qualität dieses Klangkörpers, sondern letztlich sein Bestand als solcher gefährdet ist, wandte sich die jüngste der drei „art but fair“-Organisationen mit einem offenen Brief an den Wiener Kulturstadtrat Dr. Mailath-Pokorny und weitere in den Planungsprozess rund um die VBW eingebundene Entscheidungsträger. In dem auch auf der Facebookseite „Die traurigsten & unverschämtesten Künstler-Gagen & Auditionerlebnisse“ gegenüber deren inzwischen fast 15.000 Anhängern veröffentlichen Schreiben weist „art but fair Österreich“ auf den Ruf der Stadt Wien als „Welthauptstadt der Musik“ und dessen Unglaubwürdigkeit hin, wenn durch den geplanten Orchesterabbau das internationale Renommee der traditions- und erfolgreichen VBW aufs Spiel gesetzt wird. In einem eindringlichen Appell fordert „art but fair“ einen Blick über den haushalterischen Tellerrand und das unbedingte Bekenntnis zur Qualität von Produktionen und Darstellern, die letztlich den nachhaltigen Bestand des Kunst- und Kulturbetriebes sichert und der der Vorrang vor kopf- und zukunftlosen Einsparmaßnahmen gebühren muss.

Offener Brief an die Stadt Wien, die Wien-Holding GmbH und die Vereinigten Bühnen Wien/Musical

Betreff: Stellenabbau im Orchester der Vereinigten Bühnen Wien

Wien, 16. Oktober 2013

Sehr geehrter Herr Kulturstadtrat Dr. Mailath-Pokorny!
Sehr geehrter Herr Komm.-Rat Hanke!
Sehr geehrter Herr Intendant Struppeck!
Sehr geehrter Herr Mag. Drozda!

Unser Verein „art but fair“, hervorgegangen aus der „Revolution der Künstler“, setzt sich für gerechte Arbeitsbedingungen und Anstand in der Darstellenden Kunst und der Musik ein (siehe Anhang „Goldene Regeln“). Mit Missvergnügen und Sorge verfolgen wir die uns zugetragenen Informationen und die öffentlich geführten Diskussionen rund um die Einsparungen beim Orchester der Vereinigten Bühnen Wien (VBW), die das Bekenntnis der Politik zur „Welthauptstadt der Musik“ (Tourismus-Wien, http://www.wien.info/de/musik-buehne) massiv in Frage stellen sowie die Entscheidungen des Managements als hochgradig fahrlässig erscheinen lassen.

Angesichts des veröffentlichten jährlichen Mehrbedarfs an Finanzierungsmitteln von sechs Millionen Euro erscheinen Einsparungen am Orchester mehr als fadenscheinig. Ein paar Stellenstreichungen bewirken Minderausgaben im höchstens einstelligen Prozentbereich. Selbst wenn man das absurde Gedankenspiel zu Ende denken und das gesamte Orchester einsparen würde, wäre das in Summe wohl nicht einmal ein Drittel des Mehrbedarfs.

Es stellt sich die Frage, was die Motivation einer solchen Maßnahme ist … Aber vor allem: Welche katastrophalen Konsequenzen resultieren aus dieser Fehlentscheidung? Und die Gretchenfrage, die Sie sich alle stellen sollten und die nur eine – freilich selbst erklärende – Antwort haben kann:

Was ist (über-)lebenswichtig und conditio sine qua non für den Musikbetrieb? Die Musik und ihre Ausführenden!

Mit der Dezimierung des Orchesters machen Sie es unmöglich, die hervorragende Qualität und damit das internationale Renommee des Hauses weiterhin zu gewährleisten und aufrecht zu erhalten. In klaren Worten: Sie sägen damit an Ihrem eigenen Ast, der die VBW lange Jahre erfolgreich getragen hat!

Wir laden Sie herzlich ein, gemeinsam mit uns einen Blick über den Tellerrand zu wagen:

  • Nicht weit entfernt, etwa in den Orchestergraben der Volksoper Wien, wo derzeit „Sweeney Todd“ vor ausverkauften Rängen zur Aufführung kommt. Ein mit Musikern gefüllter und für das Publikum sichtbarer (weil nicht zugebauter) Orchestergraben begeistert Jung und Alt. Weil in der Volksoper nicht alle Instrumente aus den eigenen Reihen besetzt werden können, greift man dort auch auf Substituten aus dem Orchester der VBW zurück. Gerade der Live-Charakter einer Vorstellung ist es, der die Menschen ins Theater lockt und sie zu enthusiasmierten, treuen Besuchern macht!
  • Oder blicken wir etwas weiter, über den See, zu den Theatern des Westend in London. Dort kann man es sich schlicht nicht leisten, die Orchester zu verkleinern. Sie wären dann nicht mehr konkurrenzfähig. Gerade in London, wo die Musical-Theater keine staatlichen Subventionen erhalten, können diese nur dann überleben, wenn sie unter der Vielzahl von konkurrierenden Musical-Produktionen durch erstklassige Qualität hervorstechen.

Worum geht es also und was sind unsere Vorschläge zur Lösung der angespannten Situation?

  1. Zuallererst: Die Qualität muss stimmen! Das Publikum ist nicht dumm und weiß ganz genau, was gut und was schlecht ist. Setzen Sie auf Qualität, und Sie haben die Häuser voll. Also: A) Produzieren Sie qualitätsvolle Stücke, die das Publikum gewinnen, (und setzen Sie schlechte ab bzw. möglichst gar nicht an). B) Besetzen Sie diese guten Stücke mit erstklassigen Darstellern und Musikern. Nur durch eine hervorragende musikalisch-theatralische Ausführung wird eine gute Komposition auch in ihrem vollen Glanz erstrahlen. Die Ticketpreise allerdings hoch zu halten und gleichzeitig die Qualität durch Orchestereinsparungen zu mindern, ist ein Hohn dem Publikum gegenüber und wird Ihnen mit Protest und später Desinteresse des vormaligen Fan-Publikums vergolten werden.
  2. Sie hatten bis vor kurzem ein fantastisches Orchester zur Verfügung, in das Sie durch die Kündigungen einen Keil hineingetrieben haben. Einmal auseinander gerissen, wird das Orchester der VBW nie wieder das jetzige, auf Kontinuität gebaute, herausragende Niveau erreichen. Die besten Musiker, die jetzt von den Nichtverlängerungen betroffen sind, werden dann nicht mehr zu gewinnen sein. Bei den VBW haben sie bisher außerordentliche Arbeit geleistet und konnten damit ihre Existenz und die ihrer Familie sichern. Nehmen Sie die Kündigungen jetzt zurück, bevor es zu spät ist!
  3. Greifen Sie auf das Wissen und die Erfahrung von Mitarbeitern im eigenen Haus zurück, die seit Jahrzehnten den Betrieb und ihr Publikum kennen. Kommunizieren Sie mit Ihren Leuten! Mit Verlaub: wie vergiftet muss das Betriebsklima bei den VBW sein, dass die Geschäftsführung anwaltliche Schritte setzt, weil eine Mitarbeiterin/ein Mitarbeiter anonym mit offenen Briefen um Hilfe schreien muss, nachdem die ersten fünf Nichtverlängerungen im Orchester bekannt wurden?

Wir appellieren an Sie als Eigentümervertreter, als „Anwälte des Steuerzahlers“ (alleine 36,35 Mio. Euro im Jahr 2012) und als Manager, sich dieser Angelegenheit in verantwortungsvoller Weise und im Bewusstsein der Tragweite Ihrer Entscheidungen – für die Zukunft der Sparte Musical sowie hinsichtlich der persönlichen Schicksale der einzelnen Musiker – anzunehmen.

Wir weisen Sie darauf hin, dass wir diesen offenen Brief auch in einer Presseaussendung und auf der Facebook-Seite „Die traurigsten und unverschämtesten Gagen- und Auditionerlebnisse“ veröffentlichen werden, die derzeit knapp 15.000 regelmäßige User hat und von den Medien aufmerksam verfolgt wird (siehe Timeline im Anhang).

Mit freundlichen Grüßen

Angelika Wild
(Vorsitzende)
für den Verein „art but fair Österreich“
Wurmsergasse 39/26
1150 Wien

www.artbutfair.org
oesterreich@artbutfair.org

2 Thoughts on “Offener Brief zu Kürzungen beim Orchester der Vereinigten Bühnen Wien (VBW)

  1. Henrike Sommer on Donnerstag, 12. Juni 2014 at 09:43 said:

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    Ich habe nur eine kurze Frage: Bis zu welchem Jahr wird es das vbw Festivalorchester vorrausichtlich noch geben?
    Besten Dank schon einmal und viele Grüße
    Henrike Sommer

  2. und was wurde draus?
    gibts erkenntnisse?
    danke ein fan

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