1. Podiumsdiskussion in Wien

Auslaufmodell Opernsänger? Ein Berufsstand im Würgegriff des Marktes

Bereits am 8. Mai eröffnete die „Revolution der Künstler“ ihr Konzept der konstruktiven Konfrontation mit einem Paukenschlag: Elisabeth Kulman traf den Intendanten der Salzburger Festspiele, Alexander Pereira, zu einem äußerst offen geführten Gespräch über die bis dato vielfach formulierten Missstände im Salzburger Festspielbetrieb. Eine ausführliche Zusammenfassung der sehr persönlichen und teils überraschenden Aussagen Pereiras finden Sie unter folgendem Link: http://www.elisabethkulman.com/alexander-pereira-der-diener-seiner-kunstler/

Foto: Stephan Polzer

Foto: Stephan Polzer

Am vergangenen Donnerstag, dem 23. Mai, folgte dann die Fortsetzung dieser Gesprächsoffensive: Unter dem Motto „revolution goes campus“ standen die Forderungen der „Revolution der Künstler“ im Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (mdw). Gemeinsam mit Elisabeth Kulman stellten sich u.a. der Direktor der Wiener Staatsoper, Dominique Meyer, der Intendant des Theaters an der Wien, Roland Geyer und mdw-Gesangsprofessor Peter Edelmann den unter der Moderation von Michael Gmasz (Radio Stephansdom) aufgeworfenen Revolutionsthemen, zu deren kontroverser Erörterung in einem zweiten Teil auch das Auditorium lebhaft beitrug. Die Künstleragentin Samantha Farber und der Gesangsstudent Christoph Filler komplettierten das äußerst kompetente Podiumsensemble.

Für die gastgebende mdw eröffnete Vizedirektorin Andrea Kleibel den Abend mit einem deutlichen Bekenntnis: Die Aufgabe ihres Hauses als Universität sei es, der Diskussion über die Arbeitsbedingungen im Opernbetrieb eine Plattform zu bieten, da es um den Einstieg und die Nachhaltigkeit in einem sehr schwierigen Berufsbild gehe. Nachdem Moderator Michael Gmasz kurz auf den Beginn der „Revolution der Künstler“ zurückblickte und mit Jonas Kaufmann, Laura Aikin, Marlis Petersen und Simon Keenlyside einige der zahlreichen prominenten Unterstützer beim Namen nannte, schilderte Elisabeth Kulman in bewegenden Worten ihre persönliche Motivation, sich mit ihrem Aufruf zur Revolution am 16. März an die Spitze einer für Fairness, gegenseitige Wertschätzung und angemessene Vergütung im Kunstbetrieb streitenden Bewegung gesetzt zu haben: An ihren eigenen überaus harten Kampf nach oben habe sie sich erinnert, so Kulman, als sie auf einer Facebook-Seite auf die zahlreichen Berichte von Künstlern aller Sparten stieß, die massivste Probleme im gesamten Kunst- und Kulturbetrieb offenlegten. Sie selbst wies sodann auf das Problem der vor zwei Jahren von Intendant Alexander Pereira gestrichenen Probenvergütung bei den Salzburger Festspielen hin, was angesichts des weltweiten Renommees dieses Festivals von fataler Vorbildwirkung und schon deswegen nicht hinnehmbar sei, weil die Probenarbeit mittlerweile einen Zeitraum von sieben bis acht Wochen einnehme.

Roland Geyer und Elisabeth Kulman - Foto: Stephan Polzer

Roland Geyer und Elisabeth Kulman – Foto: Stephan Polzer

Theater an der Wien-Intendant Roland Geyer sah hier zuallererst die Politik in der Pflicht und betonte: „Wir haben das Problem, dass die Politik der Kultur immer mehr finanzielle Engpässe setzt“. Sein Theater lege der Künstlervergütung eine Mischkalkulation aus Proben- und Aufführungsgagen zugrunde. Geyers Hinweis auf den freien Markt und die Möglichkeit der Aushandelbarkeit der Künstlergagen konnte jedoch wenig überzeugen, da Raum für tatsächliche Verhandlungen de facto gar nicht besteht.

Staatsopernchef Dominique Meyer kritisierte mit den Worten Antonio Salieris „prima la musica, dopo le parole“ (erst die Musik, dann die Worte) die überbordende Bedeutung der Regie, die sich nicht zuletzt in der journalistischen Wahrnehmung und Kommunikation des Kunstbetriebes zeige, in der die Leistungen der Musiker kaum noch ausreichende Würdigung fänden. Elisabeth Kulman sprang Meyer bei und betonte, dass es gerade die einseitige Betonung der Regie sei, die die Probenzeiten auf bis zu zwei Monaten verlängere. Der Künstler gefährde seine Stimme und sei bei Premieren gerade nicht leistungsfähig, sondern erschöpft. Vielen Kunstjournalisten ermangele es überdies der für eine sachliche Beurteilung künstlerischer Leistungen erforderlichen Kompetenz. Auch mdw-Professor Peter Edelmann bestätigte die völlig übertriebene Regiebetonung und fügte hinzu, dass mitunter gar der Sänger dem Regisseur erklären müsse, was es mit der Musik überhaupt auf sich habe.

Im weiteren Verlauf besprachen die Diskutanten auch die Situation der Ausbildung des musikalischen Nachwuchses. Peter Edelmann betonte, dass die mdw sehr auf die bereits mitgebrachten sängerischen, schauspielerischen und persönlichen Fähigkeiten der Studienbewerber achte, um wirklich nur diejenigen Studenten aufzunehmen, die später auch eine Chance im Beruf hätten. Eine gute Möglichkeit, als Absolvent in den Musikbetrieb hineinzuwachsen, sei nach Auffassung von Künstleragentin Samantha Farber das Modell des Opernstudios. Staatsopernchef Meyer bedauerte, dass seinem Haus aus finanziellen Gründen das Betreiben eines eigenen Opernstudios nicht möglich sei. Würde ein solches Studio doch jungen Sängern die Möglichkeit bieten, kleinere Rollen zu singen und an speziellen Produktionen mitwirken zu können, ohne jedoch durch zu frühe Höchstbelastungen die noch nicht vollends ausgereifte Stimme in Gefahr zu bringen. Roland Geyer beschrieb in diesem Zusammenhang sein Modell eines speziell gecasteten Ensembles von Nachwuchssängern, die sogleich einen Zweijahresvertrag erhielten und sich an der Kammeroper ein Repertoire aus kleineren und größeren Rollen erarbeiten könnten.

Bevor Moderator Michael Gmasz ausdrücklich um Fragen aus dem Auditorium bat, erörterten die Podiumsteilnehmer die Themen Geldbudget und Verteilungsgerechtigkeit. Elisabeth Kulman fand hier einmal mehr deutliche Worte und betonte, das Geld sei durchaus da, werde jedoch zu Lasten der Künstler nicht immer angemessen ausgegeben. Keinesfalls dürfe, so Kulman, an den Menschen gespart werden. Dominique Meyer griff dies auf und betonte, die Frage sei nicht, ob das Glas halb voll oder halb leer sei. Das Glas sei einfach zu klein. Aus den Reihen der Zuhörer wurde in diesem Zusammenhang darauf verwiesen, dass die auf den Zuspruch der Wähler angewiesene Politik eher den Sport als die Kunst fördere, weil der Sport das größere Massenphänomen sei. Dominique Meyer verwies in diesem Zusammenhang auf die seit 15 Jahren trotz massiver Inflation nicht mehr gestiegene Subvention der Wiener Staatsoper, wodurch diese nicht nur weniger als die Hälfte an Zuwendungen erhalte als die Pariser Oper, sondern inzwischen effektiv eine Reserve von 100 Millionen Euro verloren habe.

Eingedenk dieser äußerst brisanten Situation im Kunst- und Kulturbetrieb appellierte Elisabeth Kulman an das Verantwortungsbewusstsein bereits der jungen Musikstudenten: „Überlegt euch gut: Seid ihr wirklich vorbereitet für diesen Beruf? Spürt ihr einen inneren Drang, den man vielleicht Berufung nennen kann? Habt ihr die Kraft, viel zu kämpfen?“ Sodann plädierte Kulman an die Solidarität der Künstler untereinander, die ebenfalls schon in jungen Jahren gepflegt werden müsse, wenn es etwa darum gehe, einen Auftritt zu einer Hochzeit nicht unter einem bestimmten Preis zuzusagen. Solidarität unter Künstlern war schließlich auch das Credo, das den Abend beschloss. Gemeinsam müsse man der Politik entgegentreten und ganz klar sagen: Kunst kann nicht als neoliberaler Marktwert gesehen werden, sondern müsse sich ihren eigenen Respekt zurückerobern.

Hätte es eines weiteren Beweises dafür bedurft, dass die aus der „Revolution der Künstler“ hervorgegangene Initiative „art but fair“ mit ihrer Vision eines von Menschen für Menschen gestalteten und den Künstler wie die Kunst gleichermaßen wertschätzenden Kunst- und Kulturbetriebes nicht nur ein heißes Eisen angepackt hat, sondern für dessen Gestaltgebung immer weitere Teile der Gesellschaft sensibilisieren kann – die mdw-Podiumsdiskussion hätte diesen Beweis eindrucksvoll erbracht. „art but fair“ sieht in öffentlichen und prominent besetzten Diskussionsabenden, zumal an herausragenden Stätten künstlerischer Betätigung und Lehre, einen wirkungsvollen Ansatz, auch weiterhin auf Missstände im „real life“ von Kunst und Kultur aufmerksam zu machen und diesen das in den derzeit entstehenden „Goldenen Regeln künstlerischen Schaffens“ verkörperte Ideal einer jenseits kapitalistisch-monetärer und damit amoralischer Paradigmen stattfindenden Kunstpflege entgegenzustellen.

Einen Video-Mitschnitt des gesamten Diskussionsabends mit vielen weiteren Fakten und Argumenten finden Sie unter folgendem Link: http://www.mdw.ac.at/mdwMediathek/mdwClub-Podiumsdiskussion/

2 Thoughts on “1. Podiumsdiskussion in Wien

  1. Alfred Spechtenhauser on Dienstag, 28. Mai 2013 at 07:54 said:

    Völlig unverständlich dieses Gejammer über den „Markt“ auch im Operngeschäft. Wenn eine Firma mit ihren Betriebskosten nicht zu Rande kommt, dann geht sie pleite. Und die Opernhäuser und Theater? Sie halten die Hand auf und werden mit Millionen subventioniert. Und jammern. Es ist offensichtlich richtig, dass etwas nicht ganz stimmt: die Gagen sind ganz einfach zu hoch. Und was heisst „aussterben“? Nirgends werden so viele Arbeitsplätzer geschaffen wie im Opernbusiness: in jedem Schloss, Steinbruch oder Dorf wird ein Festival abgehalten. Also: mehr Realität und Seriosität ist gefragt.

    • Sebastian Aigner on Freitag, 31. Mai 2013 at 08:48 said:

      Hohe Gagen? Also wenn ich als Musiker im Opernhaus spiele und einen Stundenlohn (mit Vorbereitungszeit) von 8 Euro Brutto hab oder weniger, dann kann ich nicht von hohen Gagen sprechen. Und dies ist noch gut bezahlt.

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