Nominierungen Goldene Stechpalme 2014

Wir laden ein zur Abstimmung! Wer hat Eurer Meinung nach die Goldene Stechpalme 2014 verdient? Die drei internationalen Vorstände von art but fair haben die neun „würdigsten“ Kandidaten des vergangenen Jahres herausgesucht. Jede/r TeilnehmerIn hat 3 Stimmen zu vergeben. Das Online-Voting findet bis 28.03.2015 hier statt:

http://onlinevoten.de/poll/37384-wer-hat-deiner-meinung-nach-die-goldene-stechpalme-2014-verdient/ 

UND HIER DIE KANDIDATEN:

1. Staatstheater Darmstadt Ehemals verantwortlich: John Dew & Jürgen Pelz Der ehemalige Intendant des Staatstheaters Darmstadt wird einerseits für seine besondere Härte, Arroganz und Ignoranz in Zusammenhang mit seiner Personalpolitik am Theater Darmstadt nominiert, andererseits stellvertretend für eine Gruppe von Theaterintendanten, der es an grundlegenden Managementqualitäten vor allem im Bereich der Mitarbeiterführung, des Marketing und der CSR (Unternehmerische Gesellschaftsverantwortung) mangelt. Er steht für eine Reihe von Theaterintendanten, die ohne Bewusstsein und fachliche Qualifikation für die Personal-Verantwortung agieren, die sie tragen. Im Zusammenhang mit dem damals im Hungerstreik befindlichen international bekannten Tänzer und Choreographen, László Kocsis, sprach Dew bspw. von „Terrorismus vor seinem Haus“. Der amtierende geschäftsführende Direktor des Staatstheaters Darmstadt Jürgen Pelz wird dafür nominiert, kein positives Betriebsklima in seinem Haus zu etablieren. Ein professioneller Kulturmanager müsste wissen, wie man ein konstruktives, vor allem aber respektvolles Betriebsklima herstellen kann. Ein art but fair vorliegender unabhängiger Untersuchungsbericht weiß von einer „deutlich spürbaren Atmosphäre des Misstrauens und der Angst“ unter der Intendanz von John Dew und dem geschäftsführenden Direktor Jürgen Pelz zu berichten.

2. Wiener Burgtheater Ehemals verantwortlich: Matthias Hartmann Der ehemalige Direktor des Wiener Burgtheaters wird für die Etablierung eines Systems nominiert, das zumindest nach außen hin den Eindruck erweckt, dass Nepotismus, Freundeskreise und persönliche Vorteile wichtiger sind, als künstlerische Parameter. Besonders erschwerend kommt seine Uneinsichtigkeit hinzu, selbst in Gegenwart erdrückender Fakten, alle anderen für seine Handlungen verantwortlich zu machen. Stattdessen verklagt Hartmann das notleidende Burgtheater auf knapp 2 Mio. EUR Kündigungsentschädigung und Auszahlung seines bis 31.8.2019 datierten laufenden Vertrags. Ebenso unverschämt erachten wir die mit dem Skandal öffentlich gewordene Regiegagen von jenseits der 50.000 EUR pro Inszenierung, 78.000 EUR für Wiederaufnahmen von fünf seiner alten Inszenierungen (aus Zürich und Bochum), neben einem Jahresgehalt von zuletzt rund 225.000 EUR. Mit diesen vielen Nebenbeschäftigungen als Regisseur, konnte Matthias Hartmann allein im ersten halben Jahr als Burgtheater-Direktor nicht nur mehr als ein Jahresgehalt dazu verdienen, er war dadurch auch schlicht lange Zeiten in Wien abwesend.

3. Wuppertaler Bühnen und Sinfonieorchester GmbH Verantwortlich: Toshiyuki Kamioka Die Wuppertaler Oper verabschiedete sich in der laufenden Spielzeit 2014/15 vom klassischen Ensemblebetrieb mit längerfristigen Festverträgen. Stattdessen gibt es Blockaufführungen überwiegend mit Gastsängern. Der Intendant der Wuppertaler Bühnen und Synfonieorchester GmbH wird dafür nominiert, dass er das deutsche Ensembletheatersystem in seinem Kern angegriffen hat. Er muss sich den Vorwurf gefallen lassen, gegen seine KollegInnen agiert und Honorardumping auf eine neue, unwürdige Ebene gebracht zu haben. Er ist für stark sinkende Zuschauerzahlen in nur einer Spielzeit verantwortlich. Er hat aus einem einzigartigen Theater ein Haus ohne eigene Künstler und ohne eigenes Profil gemacht. Er hat dafür gesorgt, dass in Wuppertal keine Sänger mehr ihren Lebensmittelpunkt haben und Steuern zahlen. Und mit der vorzeitigen Beendigung seines Vertrages zum Ende der Spielzeit 2015/2016 aufgrund seines Engagements in Japan lässt er das Haus im Stich.

4. Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, Mecklenburg-Vorpommern Verantwortlich: Mathias Brodkorb Der NDR titelt zu Recht: „Theaterkrise in Mecklenburg-Vorpommern“. Der zuständige Minister wird für sein konzeptloses Vorgehen in der Kulturpolitik Mecklenburg-Vorpommerns nominiert. Er fordert in regelmäßigen Abständen mittels Allgemeinplätzen Reformen der Theater und Orchester ein, ohne jedoch ein nachhaltiges und vor allem fachlich und volkswirtschaftlich informiertes Konzept vorweisen zu können. Seine Argumentation ist populistisch und bezieht nicht einmal im Ansatz den sozialpolitischen sowie den volkswirtschaftlichen Aspekt in die Debatte ein. Wie die meisten Politiker kommuniziert er ausschließlich den Kostenfaktor von Kunst nach außen, ohne die Rückflüsse durch primäre, sekundäre und tertiäre Steuereinnahmen zu erwähnen. Aber auch Mathias Brodkorb steht, wie andere Nominierungen in diesem Jahr, stellvertretend für eine ganze Reihe seiner Ressortkollegen, die eine für eine gesunde Zivilgesellschaft höchst problematische Politik machen.

5. Performance-Installation MEAT Verantwortlich: Thomas Bo Nilsson Regisseur Thomas Bo Nilsson wird für sein Projekt MEAT an der Schaubühne Berlin nominiert. In der 240-Stunden-Installation arbeiteten über 60 Darsteller. Erst sollten alle eine Gage bekommen, dann war nur noch von „symbolic pay“ die Rede, am Schluss gab es gar nichts. Stattdessen mussten die Darsteller in der rund-um-die-Uhr-geöffneten Installation schlafen, es gab schwere Sicherheitsprobleme mit Besuchern und teilweise kein Essen, obwohl man die Installation nicht verlassen konnte… und das alles an der Schaubühne.

6. Miga Entertainment Verantwortlich: Michael Thinnes Die Produktionsfirma Miga Entertainment unter dem Geschäftsführer Michael Thinnes brach 2014 erneut die 3-Musketiere-Tour ab. Bereits 2013 musste man die Notbremse ziehen und die gesamte Tour abbrechen. Aber Thinnes konnte es nicht lassen. In einem Interview meinte er noch im Mai 2014: „Was wir uns erhalten haben, ist eine große Leidenschaft für das Stück und ein tolles, engagiertes Ensemble, das das Publikum deutschlandweit begeistern möchte.“ Er versicherte, dass die neue Tour auf sicheren Beinen stünde und man aus den Fehlern des vergangenen Jahres gelernt habe. Nur wenige Vorstellungen fanden tatsächlich statt. Sowohl die beteiligten KünstlerInnen, als auch Kartenbesteller sind wie so oft die Leidtragenden.

7. Talkshow „Markus Lanz“ Verantwortlich: ZDF Programmdirektor Dr. Norbert Himmler In der Talkshow „Markus Lanz“ schwadronierte Moritz Bleibtreu zu Beginn des Jahres 2014 von Schauspiel-Anfängergagen in Höhe von 3.000 EUR. Auf unseren offenen Brief hin entschuldigte er sich öffentlich: „Als ich mich bei Lanz zu den Gehältern am Theater geäußert habe, hatte ich mich gedanklich an meine Zeit in D-Mark orientiert. Ich war sehr müde und auch etwas genervt vom ersten Teil der Sendung.“ Was Herrn Bleibtreu gelang, war für das ZDF scheinbar zu viel des Guten. Wir baten sowohl Herrn Lanz, als auch den Programmdirektor des ZDF, Herrn Dr. Himmler, die unwidersprochene Mär von 3.000 EUR Anfängergage öffentlich aus der Welt zu schaffen. Eine Richtigstellung lehnte das ZDF „hinsichtlich der Gestaltung der Sendung ‚Markus Lanz‘ , die keine generellen Diskussionsrunden bietet, sondern auf die persönlichen Geschichten der Gäste fokussiert“ ab. Vielleicht wäre es einmal an der Zeit, dem künstlerischen Prekariat im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, eine angemessene und nachhaltige Stimme zu verleihen!

8. DAS DA Theater Aachen Verantwortlich: Tom Hirtz Das DAS DA Theater in Aachen unter der Geschäftsführung von Tom Hirtz fällt seit Jahren durch seine Gagen weit unterhalb der Mindestgage auf. Im vergangenen Jahr suchte es für das Ensemble des Tanztheaters TänzerInnen mit Bühnenerfahrung sowie Kenntnissen in zeitgenössischem Tanz und Improvisation. Für die Proben vom 15.03. bis 07.5.2014 und den Vorstellungen vom 08.05. bis 16.05.2014 bot es eine Gesamtgage von 900 EUR an. In dieser Festgage waren Probenzeit und Vorstellungen enthalten. Weiterer Erklärungen bedarf es nicht. Wir fordern daher die Stadt Aachen und das Land NRW eindringlich dazu auf, die Fördermittel so weit zu erhöhen, dass das Theater zumindest die Mindestgagen in Höhe von 1.650 EUR an die KünstlerInnen auszahlen kann.

9. Die 17.000 FB-LIKER Verantwortlich: Johannes Maria Schatz Ende Februar 2015 hatte die Facebook-Seite von „art but fair“ die stolze Zahl von 5.010 „Likern“. Die Facebook-Seite „Die traurigsten & unverschämtesten Künstler-Gagen & Auditionerlebnisse“, aus der die Initiative ursprünglich hervor ging, hatte gar 17.292 „Gefällt-mir“. Seit Juli 2014 ist die „art but fair – Selbstverpflichtung“ online. Sie wurde bis Anfang 2015 von ganzen 36 Personen unterzeichnet. Vereinsmitglieder gibt es in allen drei Ländern zusammen genommen bis dato nicht einmal 100. Für das fehlende Engagement und die mangelnde aktive Solidarität unserer Initiative nominieren wir unsere eigene „FACEBOOK-Gemeinde“ für die Stechpalme 2014. Nichts desto trotz freuen wir uns über neue Mitgliedsanträge oder eingesandte Selbstverpflichtungen!

7 Thoughts on “Nominierungen Goldene Stechpalme 2014

  1. T.Kamioka hat sich die Goldene Stechpalme mit der unfairen Behandlung des Ensembles,
    der damit einhergehenden Vernichtung bewährter Wuppertaler Kultur und seinem feigen
    Rückzieher redlich verdient. Allerdings hätte er vom Oberbürgermeister und den Verantwortlichen
    aus der Stadtverwaltung frühzeitig an seinem für Wuppertal fatalen Tun gehindert werden müssen.Deshalb gebührt auch ihnen zumindest ein kleines Blättchen von der Goldenen Stechpalme.

  2. Hans Weihs on Mittwoch, 11. März 2015 at 17:40 said:

    Dem Kommentar von Herrn Hiby kann ich mich voll anschließen. Der Politik gehört aber wohl kein kleines, sondern eher ein großes Blatt der Stechpalme.

  3. Anne Drein on Mittwoch, 11. März 2015 at 18:33 said:

    Ich bin ganz entsetzt, dass Herr Kamioka nun nicht mehr beweisen will/kann, dass er – trotz Zerschlagung des Ensembles, wahrscheinlich aus Einsparungsgründen – in der Lage ist, die Wuppertaler Bühnen wenn auch auf eine nicht gerade populäre Weise mit Blockverträgen so doch zu einem profitablen, letztendlich vom Publikum akzeptierten Theaterleben zu führen. Spekulationen bleiben. Ich glaube, unsere Stadtspitze war etwas zu blauäugig.

  4. Irmgard Huss on Samstag, 14. März 2015 at 10:17 said:

    Sowohl Herrn Kamioka als auch den Herren Jung ( OB ) + Slawig gehört die “ goldene Stechpalme „. Alle 3 Herren haben die einst so bekannte und beliebte Kultur der Stadt Wuppetal auf den absoluten Tiefpunkt gefahren.
    Welche Arroganz so über die Meinung der Bürger Wuppertals zu entscheiden das Opernensemble aufzulösen! Raus aus den Kartoffeln und wieder rein in die Kartoffeln kostet der hochverschuldeten Stadt wieder mehr Geld und noch viel schlimmer den Verlust eines früher hohen künstlerischen Image.
    Traurig + beschämend ist diese Posse !

  5. Paul F. Offermann on Samstag, 14. März 2015 at 11:52 said:

    Es ist eine riesige Ignoranz und nahezu unverschämt, Herrn Kamioka zur „Golden Stechpalme“ zu nominieren!
    Herr Kamioka hat mehr als 10 Jahre die Wuppertaler Sinfoniker geleitet und das mit riesigem Erfolg! Er hat
    aus dem Orchester ein Spitzenorchester geformt und es auch international in die Topreihe der deutschen
    Orchester geführt! Wir sollten ihm für die vielen bejubelten Konzertaufführungen dankbar sein! Auch sollten
    wir ihn und seine Situation verstehen! Er hat das Orchester 10 Jahre gleitet und darf nun auch an sich
    und an die Chancen einer weiteren, großen Karriere denken. Ein Chefwechsel kann dem Orchester
    guttun und muß nicht schaden!. Die Verantwortlichen werden sicher einen sehr geeigneten Nachfolger finden!
    Im übrigen wissen die Klagenden zum Opernensemble eigentlich ob die Wuppertaler Stadtfinanzen nicht
    Herrn Kamioka eine solche Entscheidung aufgezwungen haben, wenn ein hoher Anspruch gewahrt werden
    soll? Diese Entscheidung wurde sicher nicht „einsam“ getroffen. Herrn Kamioka herzlichen Dank, viel Glück und Erfolg fürdie Zukunft und den Wuppertalern eine erfolgreiche Suche nach würdigen Nachfolger!

  6. Detlev Vögeding on Samstag, 14. März 2015 at 21:11 said:

    Wuppertal war immer gute Schauspiel-, Tanz- und Opernstadt. Und auch Herr Kamioka hat Gutes für diese Stadt getan – und das nicht nur für Oper und Sinfonie, sondern auch für andere Kultur- und Bildungseinrichtungen. Sich dann irgendwann einmal auf den Weg zu neuen UFERN ZU MACHEN, ist absolut verständlich; seine persönliche Weiterentwicklung hat auch ihre Daseinsberechtigung!
    Was dann sowohl mit dem Schauspiel als erstes und anschließend mit der Oper als nächstes passiert ist, ist auch für den wissenden Bürger (z.B. Finanzsituation der Stadt) nicht zu begreifen. Das ist alleinige Sache der Politik. Herr Kamioka hat allerdings sehenden Auges (und hoffentlich nicht besseren Wissens) und vielleicht aus übersteigertem Größendenken die Opernsparte zerschlagen und ein gutes Ensemble gegen Leiharbeiter ausgetauscht (was bitte dem einzelnen Künstler hier nicht Vorwurf sein resp. seine künstlerischen Fähigkeiten in Absprache stellen soll). DAFÜR hat Herr Kamioka die Stechpalme verdient. Dass er aber dann noch die Stirn hat, seinen Vertrag nicht so zu erfüllen, wie ursprünglich angedacht, NICHT DAS KONSEQUENT FORTZUSETZEN, WAS ER MIT INITIIERT, UND MIT EINSCHNEIDENDEN MAßNAHMEN ANGEFANGEN HAT,ist schlichtweg unfassbar. Spätesten bei seiner Ankündigung im Herbst, sich anders orientieren zu wollen, hätte die Stadtspitze den Mut zur fristlosen Entlassung haben müssen. Es gibt sicher Personen in Wuppertaler Künstlerkreisen mit entsprechendem Know-how, die Schlimmeres hätten verhindern können!!! (Exkurs: Nach dem plötzlichen Tod von Pina Bausch waren es zwei Ensemblemitglieder, getragen vom ganzen Ensemble, die die Kompanie ruhig über die schwierigen Zeiten geführt haben.)
    Herr Kamioka hat von heute auf morgen alle im Stich gelassen, sogar seine eigene Idee der neu aufzubauenden Oper, er hätte es anders zu Ende bringen können, DIESER Weg war falsch.

  7. Dr. Brigitta Duhme-Hildebrand on Mittwoch, 6. Januar 2016 at 12:43 said:

    Dieser differenzieren Analyse der Sitution an den Wuppertaler Bühnen kann ich nur Zustimmen. Ob von der goldenen Stechpalme da nicht noch einen Ableger an den damaligen OB vergeben werden sollte?

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