Die Ensemble-Auflösung beim Intendantenwechsel ist eine Unsitte

Kurz vor dem Jahreswechsel erschien in der Berliner Zeitung ein Artikel von Ulrich Seidler zur Situation der Ensembles bei einem Leitungswechsel – denn immer noch ist es verbrieftes Recht neuer Intendanten, einen großen Teil des Ensembles – oder sogar alle Schauspieler, sofern sie nicht unkündbar sind – zu entlassen. „Es gehört zum Berufsbild des Schauspielers, dass seine soziale und berufliche Existenz der künstlerischen Entfaltungsfreiheit des Intendanten untergeordnet ist“, konstatiert Seidler, und weiter, dass diese Praxis einem Teil der Künstler durchaus entgegenkommt, weil sich so mancher auch gar nicht dem einen Theater, der einen Stadt verschreiben will. Aber eben: So mancher, nicht jeder.

Seidler hinterfragt die Vorgehensweise, sieht er doch darin einen „eklatanten Widerspruch“ zum gesellschaftskritischen Anspruch der Theater. Und er gibt zu bedenken: Diese Vertragspraxis trägt „zu dem in Eitelkeit gebadeten Intendanten-Image bei, das ohne absolutistischen Machtanspruch und unüberwindbare Hierarchien nicht auszukommen meint“.

Im weiteren stellt er Thomas Schmidts neues Buch Theater, Krise und Reform vor, das alternative Modelle für die Stadttheater entwirft, von längeren Vertragslaufzeiten für die Ensemblemitglieder auch über die Intendanzperioden hinaus bis hin zum mehrköpfigen direktorialen System. Schmidt ist Theoretiker und Praktiker zugleich, war lange am Nationaltheater Weimar tätig und leitet heute den Studiengang Theater- und Orchestermanagement in Frankfurt – und er ist Gründungsmitglied und so etwas wie der think tank des Vereins Ensemble-Netzwerk.

Ulrich Seidler fasst zusammen: „Ein alleinverantwortlicher Intendant, von dem erwartet wird, dass er seine Allmacht und Gestaltungskraft mit Ensemble-Kündigungen untermauern muss, wäre damit Geschichte. Die einzelnen Direktoren könnten ausgewechselt werden, ohne dass ein Direktorat aufgelöst werden müsste. Das Ensemble bliebe erhalten, um sich schrittweise weiter zu entwickeln. Natürlich würde es auch weiterhin Fluktuation, Nichtverlängerungen und Neumitglieder geben – und im Einzelnen auch damit verbundene Konflikte. Die aber sind in demokratischen Prozessen im Team zu bewältigen. So könnte das gesellschaftskritische Instrument Theater auch zu einem Modell für die Gesellschaft werden. Man müsste mal drüber nachdenken.“

 

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